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Vagusnerv-Übungen: 7 Übungen, um den Vagusnerv zu stimulieren und zu beruhigen

Von Laurenz KochAktualisiert am 1. November 20269 Min. Lesezeit

Der Vagusnerv ist die eingebaute Bremse deines Nervensystems. Er verlangsamt den Herzschlag, schaltet auf Verdauung und Erholung und hilft dir, nach einer Anspannung wieder herunterzufahren. Die gute Nachricht: Du kannst diese Bremse trainieren, mit Übungen, die nichts kosten und in jeden Tag passen. Hier sind sieben davon, mit Anleitung, Dauer und einer ehrlichen Einschätzung, wie gut sie belegt sind.

Wie Vagusnerv-Übungen funktionieren

Kurz gesagt

Vagusnerv-Übungen nutzen Wege, über die du den beruhigenden Teil des Nervensystems direkt ansprechen kannst, vor allem die Atmung. Beim Ausatmen greift die Vagusbremse, der Herzschlag wird langsamer. Wer die Ausatmung verlängert, verlängert diese Phase. Regelmäßig geübt, wird das Herunterfahren nach Stress schneller.

Der Vagusnerv verläuft vom Hirnstamm bis in den Bauchraum und versorgt unter anderem Herz, Lunge und Verdauung. Seine Aktivität lässt sich nicht direkt messen, Forschende nutzen dafür die Herzratenvariabilität, also die feinen Schwankungen zwischen zwei Herzschlägen. Mehr zum Hintergrund und zur Einordnung von Geräten und Trends findest du im Ratgeber Vagusnerv aktivieren. Hier geht es um die Praxis.

Übung 1: Die Vier-Sechs-Atmung

So geht es: Setz oder leg dich bequem hin, eine Hand auf den Bauch. Atme vier Sekunden durch die Nase ein, sodass sich der Bauch hebt. Atme sechs Sekunden ruhig durch leicht geöffnete Lippen aus, ohne zu pressen. Dauer: zwei bis fünf Minuten. Wann: abends, vor dem Einschlafen, beim nächtlichen Aufwachen. Studienlage: gut, langsames Atmen mit betonter Ausatmung ist das am besten untersuchte Vagus-Training.

Übung 2: Der Doppelseufzer

So geht es: Durch die Nase einatmen, dann ohne auszuatmen noch einmal kurz nachziehen, um die Lunge ganz zu füllen, und lang durch den Mund ausatmen. Dauer: drei bis fünf Wiederholungen, als Praxis bis zu fünf Minuten. Wann: in akuten Momenten, vor einem Gespräch, wenn die Stimme wegzurutschen droht. Studienlage: gut, in einer kontrollierten Studie aus dem Jahr 2023 die wirksamste von mehreren Atemformen.

Übung 3: Die Box-Atmung

So geht es: Vier Sekunden ein, vier halten, vier aus, vier halten. Dauer: zwei bis fünf Minuten. Wann: tagsüber, wenn du ruhiger werden, aber wach und konzentriert bleiben willst. Studienlage: mittel, beruhigt etwas weniger als Varianten mit langer Ausatmung, eignet sich aber gut zum Sammeln vor einer Aufgabe.

Übung 4: Summen und Singen

So geht es: Atme ein und summe beim Ausatmen einen tiefen, ruhigen Ton, so lange es angenehm ist. Oder sing ein Lied, im Auto, unter der Dusche. Dauer: drei bis fünf Minuten. Studienlage: Die direkte Wirkung über die Muskeln im Rachen ist eher klein. Der eigentliche Effekt ist ein anderer: Summen und Singen erzwingen lange Ausatmungen und sind damit getarnte Atemübungen. Wer gern singt, hat hier eine Übung, die sich nicht nach Übung anfühlt.

Übung 5: Kaltes Wasser ins Gesicht

So geht es: Beug dich über das Waschbecken und benetze Gesicht, Stirn und Augenpartie dreißig Sekunden mit kaltem Wasser, oder halte kurz eine kalte Kompresse darauf. Wann: als Notbremse bei starker akuter Erregung. Studienlage: Ein Tauchreflex lässt den Herzschlag messbar sinken, als akute Unterbrechung brauchbar. Als tägliches Programm gegen Dauerstress ist die Datenlage dünn, und für ein überreiztes System können Eisbäder zusätzlicher Stress sein. Bei Herzerkrankungen vorher ärztlich abklären.

Übung 6: Langsame Bewegung und Gehen

So geht es: Ein ruhiger Spaziergang ohne Kopfhörer, zwanzig Minuten, idealerweise draußen im Grünen. Am Abend auch sanftes Dehnen oder ruhiges Yoga, bei dem du die Ausatmung bei jeder Dehnung verlängerst. Studienlage: gut für Bewegung insgesamt. Regelmäßige moderate Ausdauerbewegung verbessert über Wochen die Herzratenvariabilität, Zeit in der Natur senkte in einer Alltagsstudie das Cortisol schon nach zwanzig bis dreißig Minuten.

Übung 7: Die Basisübung aus „Der Selbstheilungsnerv“

Viele, die nach Vagusnerv-Übungen suchen, sind über das Buch von Stanley Rosenberg darauf gestoßen. So geht es: Leg dich auf den Rücken, verschränke die Hände hinter dem Kopf, und richte bei unbewegtem Kopf nur die Augen zu einer Seite, bis du ein Seufzen, Schlucken oder Gähnen bemerkst, meist nach dreißig bis sechzig Sekunden. Dann zur anderen Seite. Studienlage: wissenschaftlich kaum untersucht. Viele empfinden die Übung als entspannend, und für gesunde Menschen ist sie unbedenklich. Wer sie mag, kann sie nutzen, sie ersetzt aber nicht die gut belegten Atemübungen.

So baust du die Übungen in deinen Tag ein

Kurz gesagt

Wähle eine feste Übung für fünf Minuten am Tag, zur gleichen Zeit am gleichen Ort, und drei kurze Anker über den Tag mit je drei langen Ausatmungen. Halte das vier Wochen durch. Für akute Momente hast du den Doppelseufzer und kaltes Wasser.

  1. Morgens: zwanzig Minuten Spaziergang draußen. Licht, Bewegung und ein ruhiger Start in einem.
  2. Über den Tag: drei Anker, zum Beispiel Laptop aufklappen, Haustür aufschließen, Hände waschen, jeweils drei lange Ausatmungen.
  3. Vor schwierigen Momenten: drei Doppelseufzer.
  4. Abends: fünf Minuten Vier-Sechs-Atmung, im Sitzen oder Liegen, als Teil der Abendroutine.

Wenn fünf Minuten zu viel sind, beginne mit fünf Atemzügen und bleib eine Woche dort. Die Wirkung zeigt sich nicht daran, dass du nie mehr aufgeregt bist, sondern daran, dass du schneller zurückkommst. Mehr Techniken und den Notfallplan für typische Situationen findest du unter Atemübungen gegen Stress und Stress abbauen.

Hinweis: Wenn dir bei einer Atemübung schwindlig wird, atme normal weiter und verkürze die Zählzeiten. Kälteanwendungen, intensive Atemtechniken und neue Bewegungsprogramme sind bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Epilepsie, Panikstörung und in der Schwangerschaft vorher ärztlich abzusprechen.

Ein Vier-Wochen-Plan für die Übungen

Die Übungen wirken am besten, wenn du sie schrittweise aufbaust, statt alle gleichzeitig zu beginnen. Dieser Ablauf orientiert sich an der Dosis, mit der Atemübungen in Studien gearbeitet haben, und an der Logik des 8-Wochen-Plans aus dem Buch:

WocheFokusPro Tag
1Vier-Sechs-Atmung am Abendfünf Atemzüge bis zwei Minuten
2dazu drei Alltagsankerfünf Minuten plus dreimal drei Atemzüge
3dazu Doppelseufzer in akuten Momentenwie Woche 2, plus nach Bedarf
4dazu Spaziergang oder Summenfünf Minuten Atmung, zwanzig Minuten Gehen

Halte die Zeiten fest, aber nicht verbissen. Wenn ein Tag ausfällt, mach am nächsten weiter. Die Regel, die sich bewährt hat: nie zwei Tage hintereinander aussetzen. Ein Tag ist ein Ausrutscher, zwei sind der Anfang eines Abbruchs.

Häufige Fehler bei Vagusnerv-Übungen

  • Pressen beim Ausatmen: Die Ausatmung soll lang und passiv sein. Wer die Luft herausdrückt, spannt an und hebt genau das, was er senken will.
  • Durch den Mund einatmen: Die Nase verlangsamt den Luftstrom und erzwingt ein ruhigeres Tempo.
  • Zu ehrgeizige Zählzeiten: Wenn dir schwindlig wird, verkürze auf drei Sekunden ein und fünf aus. Das Verhältnis zählt, nicht die Länge.
  • Nur in der Krise üben: Die Bremse wird durch regelmäßiges Training kräftiger, nicht durch Notfalleinsätze.
  • Auf sofortige Entspannung warten: Manche Übungen fühlen sich am Anfang ungewohnt an. Die Wirkung zeigt sich über Wochen.
  • Übungen statt Erholung: Wer jeden Tag fünfmal die Notbremse zieht, braucht nicht mehr Übungen, sondern weniger Dauerlast. Wie du die angehst, zeigt der Ratgeber Stress abbauen.

Was die Übungen unterstützt

Der Vagusnerv reagiert nicht nur auf Übungen, sondern auf den ganzen Tag. Ausreichender Schlaf mit fester Aufstehzeit, wenig Alkohol am Abend, regelmäßige Bewegung und ein Handy, das abends in einem anderen Raum liegt, machen jede Übung wirksamer. Die natürlichen Wege im Überblick findest du unter Cortisol senken mit Hausmitteln.

Übungen für unterwegs und im Büro

Nicht jede Übung passt an jeden Ort. Unauffällig gehen überall die Vier-Sechs-Atmung, der Doppelseufzer und die Box-Atmung, etwa im Meeting, in der Bahn oder an der Supermarktkasse. Summen und Singen passen ins Auto oder unter die Dusche. Für kaltes Wasser reicht das Waschbecken auf der Toilette. Und ein Spaziergang lässt sich oft mit dem Weg zur Mittagspause oder einem Telefonat verbinden. So wird aus dem Übungsprogramm ein Teil des Alltags.

Häufige Fragen

Welche Vagusnerv-Übung ist die beste?

Am besten untersucht ist eine Atmung mit langer Ausatmung, etwa vier Sekunden ein und sechs Sekunden aus, oder der Doppelseufzer mit zweimal einatmen und einmal lang ausatmen. In einer kontrollierten Studie zeigte genau diese Form bei fünf Minuten täglich über einen Monat die stärkste Stimmungsverbesserung.

Wie oft sollte ich Vagusnerv-Übungen machen?

Für eine dauerhafte Wirkung täglich etwa fünf Minuten, über mindestens vier Wochen. Akut helfen schon zwei Minuten. Kurze Anker über den Tag, etwa drei lange Ausatmungen vor dem Essen oder an der Ampel, ergänzen die feste Übungszeit.

Kann ich den Vagusnerv im Liegen stimulieren?

Ja. Die Vier-Sechs-Atmung im Liegen mit einer Hand auf dem Bauch eignet sich besonders für den Abend und für das nächtliche Aufwachen. Atme durch die Nase ein und lass die Ausatmung passiv und lang ausströmen.

Was ist die Basisübung aus „Der Selbstheilungsnerv“?

Gemeint ist eine Übung aus dem Buch von Stanley Rosenberg, bei der man im Liegen mit verschränkten Händen am Hinterkopf die Augen zur Seite richtet, bis ein Seufzen oder Schlucken kommt. Viele empfinden sie als entspannend. Wissenschaftlich gut untersucht ist sie nicht, schaden kann sie bei gesunden Menschen aber kaum.

Woran merke ich, dass die Übungen wirken?

Selten an dauerhafter Gelassenheit, häufiger daran, dass du nach Ärger schneller zurückkommst, der Puls sich zügiger beruhigt und du leichter einschläfst. Wer einen Tracker nutzt, sieht über Wochen manchmal eine höhere Herzratenvariabilität. Schau auf die Tendenz, nicht auf den Tageswert.

Kann ich mit Vagusnerv-Übungen Angst oder Panik behandeln?

Ruhige Atemübungen können helfen, akute Anspannung zu dämpfen. Eine Angst- oder Panikstörung behandeln sie nicht. Bei manchen Menschen mit Panikstörung kann die Konzentration auf den Atem anfangs sogar Unruhe auslösen. Bei wiederkehrender starker Angst ist eine fachliche Abklärung der richtige Weg.

Weiterlesen

Quellen und weiterführende Literatur
  1. Balban, M. Y. et al. (2023): Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal. Cell Reports Medicine, 4(1), 100895.
  2. Zaccaro, A. et al. (2018): How breath-control can change your life: a systematic review on psycho-physiological correlates of slow breathing. Frontiers in Human Neuroscience, 12, 353.
  3. Gerritsen, R. J. S. & Band, G. P. H. (2018): Breath of life: the respiratory vagal stimulation model of contemplative activity. Frontiers in Human Neuroscience, 12, 397.
  4. Laborde, S., Mosley, E. & Thayer, J. F. (2017): Heart rate variability and cardiac vagal tone in psychophysiological research. Frontiers in Psychology, 8, 213.
  5. Rosenberg, S. (2018): Der Selbstheilungsnerv. Kirchzarten: VAK.