1. Start
  2. Cortisol senken
  3. Cortisol und Schlaf

Cortisol und Schlaf: Den Teufelskreis aus Stress und schlechten Nächten durchbrechen

Von Laurenz KochAktualisiert am 31. Oktober 20269 Min. Lesezeit

Du bist müde, weil du schlecht schläfst. Und du schläfst schlecht, weil du unter Strom stehst. Wer im Dauerstress steckt, kennt diesen Kreis. Was die wenigsten wissen: Beide Seiten hängen an demselben Hormon, und der Kreis lässt sich an einer Stelle besonders leicht durchbrechen. Es ist nicht die, an der die meisten anfangen.

Wie Cortisol und Schlaf zusammenhängen

Kurz gesagt

Schlaf und Cortisol beeinflussen sich in beide Richtungen. Schlechter Schlaf treibt Cortisol am nächsten Abend nach oben, und zu viel Cortisol zur falschen Zeit raubt den Schlaf. So entsteht ein Teufelskreis. Durchbrechen lässt er sich am leichtesten nicht beim Einschlafen, sondern beim Aufstehen: mit einer festen Aufstehzeit und Tageslicht am Morgen.

In einem gesunden Rhythmus ist Cortisol abends niedrig und um Mitternacht herum am tiefsten. Das schafft Raum für den Schlaf, besonders für den Tiefschlaf in der ersten Nachthälfte. In den frühen Morgenstunden steigt Cortisol dann wieder an und bereitet das Erwachen vor. So weit, so elegant.

Bei Dauerstress gerät dieser Ablauf an zwei Stellen durcheinander. Bleibt Cortisol abends zu hoch, unterdrückt es das Schlafhormon Melatonin, und dein Körper bekommt widersprüchliche Signale: „Schlaf jetzt“ und gleichzeitig „bleib wachsam“. Das ist das bekannte Gefühl, müde und trotzdem aufgedreht im Bett zu liegen. Und ist das System überreizt, wird der morgendliche Anstieg in der zweiten Nachthälfte zum Alarm, der dich gegen drei Uhr weckt.

Die andere Richtung ist genauso gut belegt. In einer Untersuchung von Rachel Leproult und Kollegen lag der Cortisolspiegel nach einer Nacht mit Schlafentzug am folgenden Abend deutlich höher als nach normalem Schlaf. Eine schlechte Nacht macht also den nächsten Abend schwieriger. So schließt sich der Kreis.

Melatonin: der Gegenspieler

Cortisol und Melatonin sind die beiden großen Taktgeber deines Tages, und sie arbeiten gegenläufig. Cortisol ist das Hormon des Morgens, Melatonin das Hormon der Nacht. Beide werden von derselben inneren Uhr gesteuert, und beide reagieren stark auf Licht.

  • Morgens setzt Licht auf der Netzhaut den Cortisolgipfel und stoppt die Melatoninproduktion.
  • Über den Tag fällt Cortisol langsam ab.
  • Abends steigt Melatonin, sobald es dunkel wird, und macht dich müde.
  • Helles Licht am Abend bremst diesen Anstieg, besonders Licht von Deckenlampen und Bildschirmen.

Daraus folgt eine einfache Logik: Wer morgens viel Licht und abends wenig Licht bekommt, gibt beiden Hormonen klare Signale. Wer den ganzen Tag im gleichen mittelhellen Kunstlicht verbringt, verwischt die Kurven. Wie die Cortisolkurve im Detail aussieht, erklärt der Ratgeber Cortisol-Tagesrhythmus.

Wo du den Teufelskreis durchbrichst

Kurz gesagt

Wann du müde wirst, kannst du nicht befehlen, wann du aufstehst, schon. Eine feste Aufstehzeit an sieben von sieben Tagen und Tageslicht in der ersten Stunde stellen den ganzen folgenden Tag und ziehen nach einigen Tagen das Einschlafen mit. Wer stattdessen früher ins Bett geht, ohne früher aufzustehen, liegt meist nur länger wach.

Die meisten Menschen versuchen es am Abend: früher ins Bett, Tee, Meditations-App. Das ist nicht falsch, aber es setzt an der schwächsten Stelle an. Einschlafen lässt sich nicht erzwingen, und je mehr du es versuchst, desto wacher wirst du. Die Aufstehzeit dagegen ist eine Entscheidung, und sie hat zwei Wirkungen zugleich. Sie setzt über das Morgenlicht die innere Uhr, und sie sorgt dafür, dass sich bis zum Abend genug Schlafdruck aufbaut.

Darum beginnt der 8-Wochen-Plan im Buch nicht am Abend, sondern am Morgen. Zwei Wochen lang nur feste Aufstehzeit und fünfzehn bis dreißig Minuten draußen, sonst nichts. Erst in den Wochen drei und vier kommt der Abend dazu. Nach etwa acht bis zehn Tagen berichten viele, dass sie kurz vor dem Wecker aufwachen. Danach wird meist das Einschlafen leichter, und das zweite Hoch am späten Abend verschwindet.

Zwei Regeln machen die Aufstehzeit haltbar. Erstens: Nimm nicht die Zeit, die ideal wäre, sondern die, die du wirklich jeden Tag schaffst, auch am Wochenende, mit höchstens einer Stunde Abweichung. Zweitens: Steh auch nach einer schlechten Nacht zur festen Zeit auf. Ausschlafen nach dem Wachliegen fühlt sich verdient an, schwächt aber den Schlafdruck für die nächste Nacht.

Das Schlafzimmer: kühl, dunkel, ruhig

Ein paar Grundlagen machen einen großen Unterschied und kosten fast nichts:

  • Kühl: etwa sechzehn bis neunzehn Grad. Dein Körper senkt zum Einschlafen seine Kerntemperatur ab, ein warmes Zimmer erschwert das.
  • Dunkel: Dunkelheit unterstützt Melatonin direkt. Straßenlaternen und frühes Sommerlicht lassen sich mit Verdunkelung oder Schlafmaske aussperren.
  • Ruhig: Ohrstöpsel helfen bei Straßenlärm und Schnarchen.
  • Bett nur für Schlaf und Intimität: nicht zum Arbeiten oder Scrollen. So verknüpft dein Gehirn das Bett mit Ruhe.
  • Keine Uhr im Blickfeld: Wer nachts auf die Uhrzeit schaut, rechnet automatisch nach, wie wenig Schlaf bleibt.

Was den Schlaf zusätzlich stört

Koffein und Alkohol

Koffein blockiert das Müdigkeitssignal und bleibt mit einer durchschnittlichen Halbwertszeit von etwa fünf Stunden lange im Körper. Die Faustregel: letztes Koffein sechs Stunden vor dem Bett. Alkohol hilft beim Einschlafen und schadet dem Durchschlafen, weil nach seinem Abbau der Schlaf unruhig wird und das Stresssystem hochfährt. Mehr dazu in den Ratgebern Cortisol und Kaffee und Nachts um 3 aufwachen.

Der lange Mittagsschlaf

Über den Tag baut sich Schlafdruck auf, und den brauchst du abends. Ein langer oder später Mittagsschlaf baut ihn ab. Ein kurzes Nickerchen von zehn bis zwanzig Minuten am frühen Nachmittag ist für viele in Ordnung. Wer abends schlecht einschläft, lässt ihn besser für ein paar Wochen weg.

Der Kopf, der nicht aufhört

Ein Gedanke, den du abends im Bett zum fünften Mal durchspielst, ist biologisch ein aktiver Stressor. Gedanken vor dem Schlafengehen aufzuschreiben, am Küchentisch und nicht im Bett, nimmt dem Grübeln oft die Grundlage. Mehr Werkzeuge findest du unter Gedankenkarussell stoppen.

Schlafmittel, Melatonin und was sie können

Melatonin ist kein Schlafmittel, das dich betäubt, sondern ein Zeitsignal, das deinem Körper mitteilt, dass die Nacht beginnt. Entsprechend wirkt es am besten bei Jetlag oder einer stark nach hinten verschobenen inneren Uhr. Beim klassischen stressbedingten Durchschlafproblem leistet es wenig. Die Dosierungen in frei verkäuflichen Produkten sind oft höher als nötig. Sprich die Einnahme mit Apotheke oder Ärztin ab.

Verschreibungspflichtige Schlafmittel wirken zuverlässig, haben aber teils ein Abhängigkeitspotenzial und verändern die Schlafarchitektur. Sie haben ihren Platz in akuten Krisen und in ärztlicher Hand, nicht als Dauerlösung bei chronischem Stress.

Pflanzliche Präparate wie Baldrian, Passionsblume oder Hopfen zeigen in Studien schwache und uneinheitliche Effekte. Eine Tasse Tee als fester Teil der Abendroutine kann trotzdem sinnvoll sein, weil das Ritual wirkt.

Am besten belegt ist die kognitive Verhaltenstherapie bei Insomnie, kurz KVT-I. Sie gilt in europäischen und deutschen Leitlinien als erste Wahl bei chronischen Schlafstörungen, vor Medikamenten, und arbeitet mit genau den Bausteinen dieses Ratgebers: feste Aufstehzeit, Bett nur für Schlaf, Aufstehen beim Wachliegen, Umgang mit den Gedanken. Es gibt sie als Einzeltherapie, in Gruppen und als digitales Programm.

Schlaftracker: Hilfe oder Hindernis?

Als grobe Rückmeldung über Zubettgehzeiten und Regelmäßigkeit sind Tracker brauchbar. Als tägliche Note für deine Nacht sind sie eher schädlich: Sie messen Schlafphasen am Handgelenk nur ungenau, und ein schlechter Wert am Morgen verdirbt den Tag und belastet die nächste Nacht zusätzlich. Fachleute nennen das Phänomen Orthosomnie, die Sorge um perfekte Schlafdaten, die den Schlaf selbst verschlechtert. Wenn du morgens aufs Handy schaust, um zu erfahren, wie du geschlafen hast, statt es zu spüren, ist der Tracker Teil des Problems.

Qualität und Dauer: beides zählt

Für die meisten Erwachsenen liegen sieben bis neun Stunden im gesunden Bereich. Wer dauerhaft sechs Stunden schläft, weil der Tag nicht anders geht, hat kein Cortisolproblem, sondern Schlafmangel, und das ist eine gute Nachricht, weil die Lösung bekannt ist. Gleichzeitig ist Regelmäßigkeit mindestens so wichtig wie Dauer. Sieben Stunden zu verlässlichen Zeiten schlagen neun Stunden im Zickzack.

Und Geduld gehört dazu. Ein über Monate verschobener Rhythmus braucht Wochen, um sich zu sortieren, weil die innere Uhr sich nur in kleinen Schritten verschiebt. Rückfälle sind normal: eine schlechte Nacht wirft dich nicht zurück, solange du am nächsten Morgen zur festen Zeit aufstehst.

Wann zum Arzt: wenn Schlafprobleme länger als vier Wochen anhalten und dich tagsüber einschränken, wenn jemand Schnarchen mit Atempausen beobachtet, bei unruhigen Beinen am Abend, bei starkem Nachtschweiß oder wenn deine Stimmung dauerhaft gedrückt ist. Schlafapnoe, Eisenmangel, Schilddrüse und Depression können sich wie ein Cortisolproblem anfühlen.

Häufige Fragen

Kann ein hoher Cortisolspiegel Schlafstörungen verursachen?

Ein Cortisolspiegel, der abends nicht ausreichend fällt, erschwert das Einschlafen und macht die zweite Nachthälfte störanfällig. Umgekehrt treibt schlechter Schlaf den Cortisolspiegel am nächsten Abend nach oben. Beides verstärkt sich gegenseitig, deshalb spricht man von einem Teufelskreis.

Wie hängen Cortisol und Melatonin zusammen?

Sie sind Gegenspieler im Tagesrhythmus. Cortisol ist morgens hoch und fällt über den Tag, Melatonin steigt am Abend mit der Dunkelheit und hat nachts seinen Höhepunkt. Helles Licht am Abend bremst Melatonin, Licht am Morgen stellt den Cortisolgipfel. Beide hängen an derselben inneren Uhr.

Wie viel Schlaf brauche ich, um Cortisol zu regulieren?

Für die meisten Erwachsenen liegen sieben bis neun Stunden im gesunden Bereich. Mindestens so wichtig wie die Dauer ist die Regelmäßigkeit: jeden Tag ähnliche Aufstehzeiten. Sechs Stunden unter der Woche und zehn am Wochenende sind für die innere Uhr ein Dauerjetlag.

Ist ein Mittagsschlaf gut oder schlecht für den Cortisolrhythmus?

Ein kurzes Nickerchen von zehn bis zwanzig Minuten am frühen Nachmittag ist für viele unproblematisch. Längere oder späte Mittagsschläfe bauen aber Schlafdruck ab, den du abends zum Einschlafen brauchst. Wer abends schlecht einschläft, verzichtet besser vorübergehend darauf.

Welche Schlafmittel sind bei Stress sinnvoll?

Verschreibungspflichtige Schlafmittel gehören in ärztliche Hand und sind keine Dauerlösung. Pflanzliche Präparate wirken in Studien schwach und uneinheitlich, können als Ritual aber angenehm sein. Am besten belegt ist bei chronischen Schlafstörungen die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie, ganz ohne Medikamente.

Weiterlesen

Quellen und weiterführende Literatur
  1. Leproult, R. et al. (1997): Sleep loss results in an elevation of cortisol levels the next evening. Sleep, 20(10), 865-870.
  2. Spiegel, K. et al. (2004): Sleep curtailment in healthy young men is associated with decreased leptin levels, elevated ghrelin levels, and increased hunger and appetite. Annals of Internal Medicine, 141(11), 846-850.
  3. Zeitzer, J. M. et al. (2000): Sensitivity of the human circadian pacemaker to nocturnal light: melatonin phase resetting and suppression. Journal of Physiology, 526(3), 695-702.
  4. Riemann, D. et al. (2017): European guideline for the diagnosis and treatment of insomnia. Journal of Sleep Research, 26(6), 675-700.
  5. Baron, K. G. et al. (2017): Orthosomnia: are some patients taking the quantified self too far? Journal of Clinical Sleep Medicine, 13(2), 351-354.
  6. Walker, M. (2018): Das große Buch vom Schlaf. München: Goldmann.